1Acht

ahd. âhta; mhd. âht(e), æht(e), eht; ags. ôht, æht; mnd. achte; nhd. acht, ächt; schweiz. aacht, aa(ch); schwäb. auch(t), oucht; els. oht; schles. ocht; rhein. aicht; köln. aach; fries. nicht bezeugt; nl. (h)achte, (h)echte, agt; dän. ach(t); schwed. akt (nl., dän. u. schwed. als Fremdwort aus dem Deutschen). In der Ambraser SchwspHs. eichte (Wackernagel 87 Var.); hatte 1292 Trier; gemeingerm. *anhtô f.; vgl. ir. écht "Totschlag aus Rache" Falk-Torp I 17; Walde-Pokorny I 60; Fick,IdgWB.⁴ III 558; v. Schwerin in Hoops,Reall. II 97; anders Graff I 105; SchweizId. I 78; NdlWB. I 615. - Ältere Versuche: zu ach = Wasser aquae et ignis interdictio; zu ἐχθρός, zu nd. achter usf.
Verfolgung, Friedlosigkeit
vgl. 1Bann, Festung, Königsbann, Urteil, Verruf
I Verfolgung überhaupt
I 1 Verfolgung, Bedrängung, Ungnade
I 2 Gottes Acht göttliche Ungnade, Strafe, Zorn
Sachhinweis: Gegensatz Gottesfrieden
  • ich bin in gotes æhte komen diu sælde hat mich gar verlan
    13. Jh. Stricker,Karl 8834
  • darumb sind [die Ketzer] in gotes ächt ewigliche iemermer, da kain gotlich gnad ist
    1414 HistVolksl.(Lilienc.) I 264
  • do vorsůnete er [Jesus] sich mit dem menschen, der mer den vuͤnf tuͤsend jar durch adams sůnde in siner achte was ... und in des tůveles gewalt
    oJ. AltdPred. I 79, 30
  • aber "Kirchenbann" ist wohl gemeint: ein auffrhürischer mensch [der] ... schon in gottes vnd keiserlicher acht ist, das, wer am ersten kan vnd mag denselben erwürgen, recht vnd wol that
    oJ. Dietz,LutherWB. I 40
  • Freidank 22, 13
I 3 "Vogelfreiheit"
  • das niemant kainen vogell ... fahen ... soll, aussgenommen die kramatvogell, und die so in der aucht sein
    1535 Ulm/Schmid,SchwäbWB. 30 Faksimile
II Acht im eigentlichen Sinne
II 1 Der Ssp. und andere niederdeutsche Quellen gebrauchen nur für sie den Ausdruck "Acht"
vom König oder seinem Richter verhängte Acht für das ganze Reich
II 1 a
II 1 b
II 1 c
II 1 d
II 2 Landesacht
  • swer die ubersagten leute und die ... in des landes aehte sint behaltet oder haimt, auf den sol man varen als auf einen der den vride zebrochen hat
    1281 ÖstLFrd. § 5/MGConst. III 266 Faksimile
  • achte des landes zu Duringen
    1316 MGConst. V 311 Faksimile
  • der in des gerihtes ohte zu Hagenow ist
    1369 ZGO. 49 (1895) 351
  • were ... das her [Totschläger] entlyffe ... so zal her zyn in des landes achte
    1394 AktStPr. I 75
  • in generalem terre proscripcionem [ducere]
    1432 MagdebUB. II 34
  • 1455 DanzigWillk.(Simson) 28 (Art. 21) Faksimile
  • des hat P. ... die ochte in des landis ochte geczogen [und der Ächter wird] in des landes ochte ... gekündiget, vorfestint, verlobit und vorschriben
    1458 SchlesDorfU. 65 Faksimile
  • swer fridprecher wirt ... und niht fuͤr chvmpt in dem ehaften taiding, ... den schreibet man in dez hertzogen æht ... und mag in nieman dar auz lazzen wan der hertzog oder sein vitztum oder der rihter ob im der hertzog den gewalt geit
    oJ. MBoica 36, 2 S. 126 Faksimile
  • GrW. IV 655 Faksimile
II 3 Stadtacht usw.
  • tun in unß unde der obgenannten stete ochte
    1355 Görlitz/NLausMag. 73 (1897) 211
  • man sol in echten und in dy echte tun nach recht der stat czu Prage
    1374 BrüxStB. 47 Faksimile
  • in unsers herren des keysers ungnode und in der stette ohte
    1430 SchlettstStR. 593 Faksimile
  • in die achte in der stat weichbilde
    1512 Dresden/NArchSächsG.² 13 12 Note 44
  • in die acht dieses weychpildes dieser stadt
    Anfang 16. Jh. MittChemnitz² 7 (1891) 27
  • so sol in nennen der meister mit sime namen und sol sprechen: ich kunde den N. in die ohte des meisters, des schultheissen, des vogtes
    oJ. StraßbUB. IV 2 S. 95 Faksimile (PDF)
II 4 Acht mit Tagen
  • das min herr [Kaiser] ze achte soll tun mit tagen swa er es mit rechte getun mag
    1301 MGConst. IV 1097 Faksimile
  • item dreyerley acht sint: mit tagen, mit urteil und ein aberacht. usser der acht mit tagen mag sich einer uff recht absolvirn lasse, also das er dem cleger uͤmb die sach daruͤmb er ine zu acht gethon hatt eins unverzogen rechten sin soͤll und behelt er im dann mit recht an oder erschint nit gehorsam, so wurt er ein aberechter
    Mitte 15. Jh. [Eine Notiz über die Acht] im KarlsruheGLArch., Copialb. 535/ZRG.² Germ. 13 (1892) 227 Faksimile
  • was aber betagter ahten umb ungehorsamy weren
    1502 FürstenbUB. IV 308 Faksimile
  • 1610 Wehner,HofgRottw. 179 Faksimile
  • Eyb,NürnbLG. 70
  • MGConst. IV 1104 Faksimile
  • ZGO. 43 (1889) 73
II 5 schlichte, gewöhnliche Acht
Sachhinweis: Gegensatz: Aberacht, Mordacht
II 6 Acht mit Urteil
II 6 a
II 6 b Urteil und Acht verbunden, indem Urteil in Anklang an verteilen die Bedeutung "Acht" erlangt (Vgl. zB. WürzbZ. I 1 S. 658, wo von ymants urteil die Rede ist, aber die Achtformel folgt; ferner WürzbZ. I 2 S. 871, 944, 1269, 1273)
II 7 "mit der Tat" eintretende, sofortige Acht
  • excommunicationi ... et proscriptioni ... ipso facto sum innodatus et tanquam exlex
    1241 Schuldverschreibung/FRBern. II 225f. Faksimile
  • mit der dat fallen sie in keisirliche achte
    um 1360 GoldBulle 116
  • der sal in des heiligen reichs achte zur stund verfallen ... sin
    1398 LFrdWenzels § 12/RAbsch. I 98 Faksimile
  • die übertreter ipso facto in die acht gefallen seyn
    1559 Burgermeister,CI. 937
  • dadurch er in die straffe des rechten und keyserlichen landfriedens, nemblich in die acht mit der tadt gefallen
    1562/77 LünebNGO. 393 Faksimile
  • 1593 CAug. II 2092 Faksimile
II 8 vertragsmäßige Acht; vgl. oben II 7 zum Jahr 1241
  • ein verwillkührte acht, als wann sich einer etwas zu thun in obligatione expresse verschreibt, quo non secuto in bannum declaratur, quod vocatur ein verwillkührte achtserklärung
    1610 Wehner,HofgRottw. 110 Faksimile
  • Gierke,U. 100 S. 248f.
II 9 offene Acht, allgemein verkündete, notorische, allgemeine Acht
II 10 gemeine Acht
II 10 a Acht über eine Gemeinde
  • [Wenn eine Gemeinde geächtet ist u. etliche ziehen weg] die ... sind nit mee aͤchter, wiewol sy ... glider derselben commun wären, da die commun ze aucht geton ward: es waͤr denn, das soͤlich, die von der gemeind oder commun zügend, namlich vnd besunderlich in der gemeinen aucht begriffen waͤren, die nemend die aucht mit in, sy ziehend wahin sy wöllen
    um 1430 RottweilHGO.(Irtenkauf) IX 21
II 10 b gemeine, wechselseitig anerkannte Acht
  • ouch sal eyne gemeyne ochte in beydin steten syn, also wen eynre in eyner stat geecht wirt, das her in der andern stat ouch geecht sal werden usw.
    1375 SchlesLehnsUrk. I 190 Faksimile
II 11 Mit "schwer" wird meist eine verschärfte Acht gemeint, sei es, daß sie mit dem Banne oder zur Aberacht verschärft ist; doch ist auch die einfache Acht eine "Last"
bdv.: Hochacht
II 12 gesteigerte Acht
vgl. Aberacht
  • das sie baide von kaiserlichs gepots wegen ... in der größern ächte solten gehalten sein
    15. Jh. Ernst S. 243
  • deducitur ad maiorem proscripcionem que dicitur overachte
    1432 MagdebUB. II 341
II 12 –
III übertragen
III 1 Achtschatz
  • zu alte a. vgl.: von alten auchten, da nieman waisst, wer der cleger oder sin erbe ist
    um 1430 RottweilHGO.(Irtenkauf) IX 12
  • wer in als vil acht kümpt als vor gesprochen, der is yedlichn richter seine aeht schuldig
    1473 Ruprecht I 74
  • es sullen ouch die alten áhten und costen ... ingezogen werden
    1502 BaarLGO/FürstenbUB. IV 309 Faksimile
III 2 Achtbrief
  • wollen wir dieselben ... personen mit zuschickung solcher acht in keinerley weyse ... beleidigt haben [gemeint ist ein gedruckter Achtbrief, der noch verwendet wird, als sich schon einige der darin aufgezählten Ächter gelöst hatten]
    1514 MittDBöhm. 45 (1907) 148
III 2 – Achtbuch?
III 3 Ächtungsrecht?
  • man bekennet dem ertzebischove von Meintze an sinem gerihte zu Erforthe kamphis, gotesvrides unde burcvrides, unde siner achte und ouch der notnunft, unde alles des rechtes, daz er von alter hat an sinem gerihte gehabet
    1289 ErfurtWeist. 6 Faksimile
III 4 Verbannung, Verweisung
  • wyrdt eynner geleget in die achte unde kommet frevelichenn in die stadt, man sal im den kop abeszlaenn ane kennerlei clage
    1. Hälfte 15. Jh. DanzigWillk.(Günther) 18 Faksimile
  • wer by uns zů ohte ward geton, es sy von dotslegen, wunden oder von notzögen wegen, sie haben usz gesworn oder nit, die sollent alle wile das sie in den ohten sint nahtes ein myle sin von unser stat und ... tages nit neher kommen dann uszwendig an unser stat burgbanne
    15. Jh. StraßbZftO. 1f. Faksimile
  • [sive in mortem sive in exilium übersetzt Luther:] es sey zum tode oder in die acht
    oJ.
III 5 Kirchenbann
  • daz in der pabst in sin aht nam und tet in ouch in den ban
    nach 1284 EnikelWChr. 28015
  • in bann und geistlich achte gethan und geworffen
    1494 MagdebUB. III 510
  • die bebstlich und kayserlich acht censuras ecclesiasticas und bannum imperiale
    1524 DiplNorv. XII 347
  • 1595 Wusterwitz 81
IV Formeln
IV 1 Acht und Bann
IV 1 a (Reichs)acht und Kirchenbann. Ausschluß aus weltlicher und kirchlicher Rechtsgemeinschaft
IV 1 a – Die Formel wird als ein Wort behandelt, bekommt nur ein Fürwort
  • darnach wirt volgehen di acht und pann
    1486 HistVolksl.(Lilienc.) II 206
  • das ... ich Martinus Luther solle billich aus bepstlichem und keyserlichem bann und acht seyn
    1523 Luther, Wider d. verkehrer ... keys. mandats.
  • [die] so im beschwerten pan und acht ... sein
    1528 ZeigerLRb. 117 Volltext
IV 1 a – vgl. noch:
IV 1 b regelmäßig Bann und Acht (bair. österr.) Blutbann, höhere Gerichtsbarkeit, Ächtungsrecht
  • get es den weg, das man über in richten sol, das sol der lantrichter tuen, der pan und ächten hat
    1342 Salzburg/ÖW. I 200 Faksimile
  • dem selben richter hat ... unser herr verlihen pan und aͤcht
    1376 PettauStR. Art. 34 Volltext
  • paan und acht uber daß plueth zu richten
    1441 Wartinger,Graz 38
  • sol von dem land landfürsten ... pan und acht werwen
    1462 Chiemsee/MBoica II 507 Faksimile
  • ein freies bluetgericht ... mit allen gerechtigkeiten, pann und acht alß zu Wien oder Neustadt
    1617 NÖsterr./ÖW. VII 74 Faksimile
  • dem newen richter verleiht herr rendtmeister pan und acht
    1624 SteirGBl. 1 (1880) 221 Faksimile
  • daß fast alle kayserl. städte und märckt in Steyr bann u. acht haben
    1688 Beckmann,Idea 38 Faksimile
IV 1 b – vereinzelt vorangestellt
IV 1 c "Bann" wird auch tautologisch neben "Acht" gebraucht
in der Wendung acht und bann
  • des heiligen reyches achten und bannes wegen, darin sy ... vor des reychs hofgerichte erclaget
    1394 LübUB. IV 691 Faksimile
  • mit unserer und des h. richs acht und ban mit rechte zu yn richten und die achte und den ban uber sy tun
    1431 Lacomblet,UB. IV 230
  • 1433 Lünig,CGermD. II 1803f.
  • 1434 E. Eichmann, Acht und Bann im Reichsrecht des Mittelalters (Paderborn 1909) 143
  • [Drohung] ons ende onse lant mit swaerre achten ende banne te besweren
    1434 MnlWB. I 9 Faksimile
  • ob er auch in kaiserlichen bann oder acht
    1555 ZRG.² Germ. 3 (1882) 220 Faksimile
  • Lünig,CGermD. II 1807
IV 2 Acht mit dem vermögensrechtlichen Gegenstück, der Anleite verbunden
IV 3 Acht und Verfestung (meist synonym)
IV 4 In Paarformeln mit Aberacht, Buch, Klage und Urteil
IV 4 –
IV 5 Acht und Pfalz (Gefängnis?)
  • Ladung cum comminatione uff den fall ausenpleibens er in die acht und pfaltz des von F. erkläret seie
    1600 MGConst. IV 1126 Faksimile
V Sprachgebrauch
V 1 bei Verhängung der Acht
V 1 a
V 1 b
V 1 c
V 1 d
V 1 e
V 1 f
V 1 g
V 1 h
V 1 i
V 1 k
V 1 l
V 1 m
V 2 bei dauernder Acht
V 3 Lösung der Acht
V 3 a
V 3 b
V 4
V 4 a
V 4 b
  • die übertretter mit aucht oder anderer verdienter straff zu straffen
    1530 AugsbChr. IV 326
V 4 c
  • gebieten bi dem banne unde ... bi der aehte
    um 1275 (Hs. 14. Jh) Schwsp.(W.) Art. 110
  • vgl. dagegen: wann ainem das dorff verpotten wurde von der auchte
    1417 Triboltingen/Schauberg,Z. 2 (1847) 92 Faksimile
  • under unser und des richs aͤchte gebotten haben
    1426 ZürichStB. II 379
  • was gleichbed. ist mit: wölher der ist, der in die aucht kumpt und verpotten wirt
    1488 FürstenbUB. VII 264 Faksimile
  • so bevelhen wir ... bei unser und des hl. reichs acht
    1497 Wigand,Denkw. 19 Faksimile
V 4 d
  • tat, die an die echt get
    1355 Preßburg 271
  • wer um all sach die an die acht gehen ... richten soll. es soll ... um ... sachen die die ächt berühren
    18. Jh. NÖsterr./ÖW. VII 595 Faksimile
V 4 e
V 5 Der Plural ((a)ehte, echten, aehten, aͤchten, achte(n), ochten) wird gebraucht, wenn jemand von mehreren Gerichten geächtet ist, wenn Acht und Aberacht gemeint sind, doch auch für eine Acht; ebenso auch wenn von mehreren Ächtern die Rede ist